Die Lahrer Fahrrad-Werkstatt stellt sich jetzt breiter auf

Die Fahrrad-Werkstatt geht nun in ihr fünftes Jahr. Am 1. April 2026 beginnt die neue Saison auf dem Gelände des Schlachthofs Jugend & Kultur. Dann werden wieder gebrauchte Fahrräder zu günstigen Preisen zum Verkauf angeboten. Das klingt so, wie es in den vier Jahren zuvor auch schon gewesen ist. Und doch ist dieses Mal vieles ganz anders. Denn die Werkstatt stellt sich von nun an viel breiter auf.

Kunden zum Beispiel sind nicht mehr nur Migranten wie bisher, sondern alle Menschen, die sozial benachteiligt sind. In der Werkstatt arbeiten nun auch Deutsche mit, nicht mehr nur Flüchtlinge. Viel mehr Wert gelegt wird künftig auf Kooperationen gelegt, zum Beispiel mit dem Schlachthof. Und was auch anders ist: Das Projekt ist nicht mehr nur ein loser Zusammenschluss von Menschen, sondern es ist ein gemeinnütziger Verein geworden, die Lahrer Fahrrad-Werkstatt e.V.


Titelfoto: Freundeskreis Flüchtlinge

Fahrräder, wohin das Auge reicht. Es geht beim Verein Lahrer Fahrrad-Werkstatt e.V. aber auch um Menschen.


Das Fahrrad-Projekt war ursprünglich ein Projekt des Freundeskreises Flüchtlinge Lahr. Es ist im April 2022 ins Leben gerufen worden – im Café international, ebenfalls ein Projekt des Freundeskreises. Damals saßen vier türkische Flüchtlinge im Interkulturellen Garten in der Römerstraße an einem der Tische und baten um ein Gespräch.

Sie wollten wissen, wie sie sich ehrenamtlich in der Stadt engagieren könnten. Zwei von ihnen erzählten von ihrem Hobby: Fahrräder reparieren. Das war die Geburtsstunde der Fahrrad-Werkstatt. Denn das einzige, was bislang noch fehlte, war das fachkundige Personal für das Projekt. Es wurde in den folgenden Jahren zunehmend größer und internationaler.

Peter Mag, der Werkstatt-Chef, kümmert sich darum, dass der Reifen wieder die Luft hält. – Fotos: Freundeskreis Flüchtlinge

Und das war gut so, denn die Nachfrage nach preiswerten Rädern war enorm. Das lag daran, dass die Corona-Phase Ende März 2022 gerade vorüber war. In dieser Zeit hatte sich der Bedarf aufgestaut. Hinzu kam, dass nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 mehr als 800 Flüchtlinge nach Lahr kamen. Auch sie wollten Fahrräder haben.

Deshalb war die Situation oft so: Kaum hatte das Werkstatt-Team Fahrräder überprüft und repariert, waren sie auch schon wieder weg. Das ging drei Jahre lang so. Jahr für Jahr kamen mehr als 200 Migranten in den Besitz von Rädern. Menschen aus Lahr und den Umlandgemeinden hatten jeweils an die 250 Fahrräder gespendet.

Im Jahr 2025 war das erstmals anders. Die Zahl der Kunden war rückläufig. Warum? Seit Herbst 2024 war die Zahl der ankommenden Flüchtlinge in Deutschland zurück gegangen. Das merkte man schon bald auch im Ortenaukreis und in der Folge auch in Lahr. Nur noch 170 Fahrräder fanden einen Käufer beziehungsweise eine Käuferin.

Jürgen Siefert und Muhammed Ertekin sind bei der Arbeit zu Scherzen aufgelegt.

Auch die Zahl der Reparateure in der Werkstatt ging deutlich zurück. Anfang des Jahres waren es noch 16 Mitglieder in der WhatsApp-Gruppe, vier waren es am Jahresende. Die Gründe für diesen Schwund waren allerdings erfreulich: Die einen fanden eine Arbeit, die anderen kümmerten sich lieber um ihre Familie, wenn es ihnen gelungen war, Frau und Kinder nach Lahr zu holen.

„Wenn es so weiter geht, läuft sich das Projekt tot“, war die Erkenntnis des Orga-Teams. Was also tun? Aufgeben? Auf keinen Fall. Diesen positiven Impuls gab es, nachdem das Lahrer Team im Jahr 2025 die Kollegen vom Verein Offene Fahrradwerkstatt Offenburg e.V. kennengelernt und ihre Arbeitsweise kennengelernt hatte. Die eigneten sich die Lahrer an: Räder für alle sozial benachteiligten Menschen und ein Reparatur-Team, dem auch Deutsche angehören.

Der Vorstand des Vereins (von links): Udo Scharr, Finanzen, Peter Mag, Technik, Klaus Schweizer, Organisation.

Es kommt in Lahr aber noch etwas dazu, was man in Offenburg so nicht kennt: die Kooperationen. Neben der Kooperation mit den Offenburger Schraubern wünscht sich der Schlachthof, dass die Besucher des offenen Jugendtreffs in die Werkstatt kommen können, wenn sie Probleme mit ihren Fahrrädern haben. Dabei geht es um Hilfe zur Selbsthilfe. Das heißt, die Jugendlichen sollen unter Anleitung lernen, wie sie ihre Räder selbst reparieren können.

Die Kooperation mit der Lahrer Tafel liegt in der Natur der Sache, denn die soziale Einrichtung der Diakonie und die Fahrrad-Werkstatt haben die gleichen Kunden. Die Reha-Werkstatt auf dem Flugplatz für Menschen mit psychischer Erkrankung hat bereits Interesse an einer Kooperation bekundet. Und das AGJ-Integrationszentrum zur Rehabilitation von Suchtkranken hat spontan einen seiner Patienten in die Werkstatt geschickt, wo er für sechs Wochen als Praktikant mitarbeitet.

Manfred Lau macht ein Fahrrad wieder flott.

Die Voraussetzungen für die neue Fahrrad-Werkstatt sind inzwischen umgesetzt worden und im Reparatur-Team ist man nun gespannt, wie sich dieses Projekt in Zukunft entwickelt. Klar ist schon jetzt: In der Werkstatt werden weitere Reparateure gebraucht.

Am 1. April 2026 geht es offiziell los. Die Werkstatt auf dem Areal des Schlachthofs Jugend & Kultur ist dann immer mittwochs von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Die Adresse lautet Dreyspringstraße 16.

Kontakt

zum Verein kann über Klaus Schweizer aufgenommen werden: WhatsApp 0176 / 51 87 26 43, Tel.: 07821 / 984712, E-Mail schweizerkls@gmail.com.

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