„Die kurdische Kultur in Afrin soll ausgelöscht werden“

Der erste Themenabend des Freundeskreises Flüchtlinge Lahr mit der jungen Kurdin Mirav aus Syrien ist ein Erfolg gewesen: Es waren 19 Frauen und Männer anwesend, darunter ein paar neue und auch drei Geflüchtete. Mirav sprach über die prekäre Lage der Kurden in Afrin, im Norden Syriens. Anschließend wurden der Referentin viele Fragen gestellt und es wurde sehr lebhaft diskutiert. „Ein sehr guter Start unserer neuen Reihe“, sagte Heimfried Furrer dazu, einer der Sprecher des Freundeskreises.

Bei ihrem Vortrag hatte Mirav gebannte Zuhörerinnen und Zuhörer: „Guten Abend, ich bin Mirav aus dem syrischen Kurdistan, aus der besetzten Stadt Afrin. Ich freue mich, heute bei Euch zu sein, um über meine Stadt Afrin vor und nach dem Krieg zu sprechen.


Titelfoto: privat

Ein alter Mann trauert in Trümmern – Folge des Krieges.


Kurdistan in vier Teile geteilt

Afrin ist geografisch Teil des kurdischen Territoriums, das nach dem Sykes-Picot-Abkommen 1916 geteilt wurde. Frankreich und Großbritannien teilten Kurdistan in vier Teile. Jeder Teil wurde einem anderen Land zugeordnet, nämlich dem Irak, dem Iran, der Türkei und Syrien. Alle vier haben totalitäre Regierungen, die den Kurden feindlich gegenüberstehen. Andere Religionen, Kulturen oder Volksgruppen werden nicht akzeptiert.  

Alle vier haben gegen die Kurden in den Geschichte bis heute die abscheulichsten Verbrechen begangen: Vertreibungen, Morde und ethnische Säuberungen sollten die kurdische Präsenz beseitigen und damit die sogenannte Kurdenfrage lösen. Das letzte dieser Verbrechen ist der hässliche Krieg, den die Türkei gegen die sichere Stadt Afrin führte.  

Afrin liegt in der Region Kurdistan im Nordwesten Syriens. In Afrin gibt es viele archäologische Spuren der Zivilisation um den Propheten Hori, der Horianer, die die Vorfahren der Kurden sind. Sie belegen die historische Verwurzelung der Kurden in Afrin. Viele weitere archäologische Stätten aus verschiedenen Zivilisationen wie der griechischen, der römischen und der byzantinischen reichen Jahrtausende zurück.  

Kurdistan wurde 1916 in vier Teile geteilt und dem Irak, dem Iran, der Türkei und Syrien zugesprochen. – Grafik: privat

Deutsche bauten eine Bahnlinie

Die Römer legten für ihre Kriege eine Fernstraße an und bauten Brücken über die Afrin-Fluss, der die Stadt in zwei Teile teilt. In der osmanischen Ära gab es hier sogenannte Khans, um Reisende und Kaufleute aufzunehmen, weil sich Afrin auf der Handelsstraße zwischen den Bundesstaaten Aleppo und Iskenderun befand.  

Die Deutschen bauten eine Brücke und errichteten die Zuglinie von Aleppo nach Istanbul über Aleppo als Teil der Bagdad-Bahn, die über Afrin führte. 1923 bestimmte Frankreich Afrin zum Verwaltungszentrum für den Bezirk Kordag. Später wurde Afrin administrativ der Provinz Aleppo hinzugefügt.  

Afrin besteht aus 366 Dörfern und sechs städtischen Zentren und hat eine Fläche von etwa 3850 Quadratkilometern. Das ist mehr als doppelt so groß wie der Ortenaukreis. Nach neuesten Statistiken leben in Afrin etwa eine Million Menschen – Einwohner und während des Krieges Zugezogene.  


„Im Vergleich mit anderen kurdischen Regionen Syriens gibt es in der Stadt einen hohen Prozentsatz gebildeter Menschen.“

Mirav

Das Land der Oliven

Afrin ist das Land der Oliven, in dem die meisten Einwohner im Olivenanbau arbeiten. Vor dem Krieg gab es etwa 23 Millionen Olivenbäume. Andere Menschen arbeiten im Handel und in der Industrie. Im Vergleich mit anderen kurdischen Regionen Syriens gibt es in der Stadt einen hohen Prozentsatz gebildeter Menschen. Es war einmal eine schöne und sichere Stadt. Ihre Menschen zeichnen sich durch ihre Liebe zum Leben aus; sie sind tolerant gegenüber den übrigen Religionen und Volksgruppen Syriens – obwohl die meisten Araber in Syrien die Kurden schlecht behandelten.  

Zu Beginn des Syrienkriegs war Afrin ein Ziel sowohl für das Assad-Regime als auch für die Opposition. Und dann wurde es von ISIS und der Türkei ins Visier genommen. ISIS versuchte wiederholt, die Stadt einzunehmen, scheiterte jedoch.  

Dann belagerte die syrische Opposition mit der Unterstützung der Türkei von 2012 bis 2018 die Stadt. Als es nicht gelang, die Stadt zu erobern, gab es eine Blockade. Lebensmittel sollten nicht nach Afrin kommen. Viele kurdische Zivilisten wurden auf dem Weg zwischen Afrin und Aleppo entführt.  

Kurden auf der Flucht – Foto: privat

Krieg gegen Afrin

Am 20. Januar 2018 unterstützte die Türkei 40 000 Söldner Erdogans von der syrischen Opposition, die Krieg gegen Afrin führten. 72 türkische F-16 Flugzeuge bombardierten schon am ersten Tag die Stadt. Archäologische Stätten, religiöse Gebäude, Krankenhäuser, Schulen, das Haupt-Wasserwerk und andere Teile der Infrastruktur wurden ins Visier genommen.  

Am 18. März 2018 war Afrin vollständig besetzt. Tausende unschuldiger Zivilisten, Frauen und Kinder, waren bis dahin getötet worden. Journalisten war der Zutritt verboten, die Medien durften nicht über den Krieg berichten. 700.000 Bewohner Afrins wanderten zu Fuß durch die Felder, um in den Zelt-Lagern zu landen. Sie wurden ihrer Heimat, ihrer Häuser und aller Gegenstände ihrer Erinnerung beraubt. Die Türkei und die syrischen Banden drangen in Afrin ein. Die wenigen dort verbliebenen Kurden litten unter krimineller Willkür und Übergriffen: Diebstahl, Plünderungen, Frauenraub und Morden.  

Der Anteil der Kurden in Afrin vor der türkischen  Besetzung betrug 93 Prozent. Jetzt, nach der türkischen Besetzung, gibt es nur noch zehn Prozent. Dieser demographische Wandel war für die Kurden verbunden mit dem Verlust ihrer Sprache, ihres Eigentums und ihrer Heimat. Das Schicksal tausender Bewohner Afrins in türkischen Gefängnissen, die während des Krieges gegen Afrin festgenommen wurden, ist noch unbekannt.  

Wo diese entführte kurdische Frau ist, weiß man auch heute, nach zwei Jahren, noch nicht. – Foto: privat

Blühende Kultur vor dem Krieg

Vor dem Krieg war Afrin eine höchst lebendige Stadt, in der die kurdische Kultur und Musik blühte. Jetzt hat die türkische Besetzung der Muslim-Bruderschaft und den Extremisten es möglich gemacht, willkürlich das Recht verletzen zu können. Afrin wurde von den Türken beherrscht und arabisiert, die religiöse und kulturelle Vielfalt zerstört. Eine ganze Generation wächst ohne Bildung auf.  

Die Militanten und die neu angesiedelten Araber üben täglich Druck aus, um den Rest der Kurden aus Afrin zu vertreiben. Alles Kurdische wird abgeändert oder zerstört. Selbst die Namen der Dörfer wurden geändert. Überreste und Objekte alter Kulturen wie der von Ain Dara und der der Horianer, die bis zu 4700 Jahre alt sind, wurden entwendet oder zerstört.   Die Bäume in den meisten Obst-Plantagen und die großen Wälder wurden abgeholzt und niedergebrannt, zehntausende alte Olivenbäume gefällt.  

Ältere Menschen wurden getötet, um ihre Häuser und ihr Eigentum zu beschlagnahmen. Kurden wurden aus ihren Häusern vertrieben, ihr Besitz geraubt; alles wurde den mehr als 800 000 arabischen Siedlern übergeben. Die kurdischen Bewohner von Afrin leben jetzt in Zelten.

Die kurdische Kultur in Afrin soll ausgelöscht werden.“


Türkischer Text auf einer Mauer in Afrin: Wir wissen nicht, wer Rom niedergebrannt hat – aber wir haben jetzt das Dorf Rajo niedergebrannt. – Foto: privat

Weitere Informationen

  • Mehr zur Lage in Afrin erfahren die Leserinnen und Leser in einem Interview des Freundeskreises mit Mirav vom 24. Juni 2020.
  • Beim Volkstrauertag 2019 hat Mirav in einer Veranstaltung der Stadt Lahr mit Geflüchteten über die Situation der Kurden in Syrien gesprochen.