Eine Exkursion wie eine Klassenfahrt

Etwa 30 Erwachsene und 18 Kinder standen auf der Liste für die Anmeldung zur Bahnfahrt nach Offenburg und den Besuch des Ritterhausmuseums. Die jeweils genaue Zahl konnte man der Anmeldeliste nicht entnehmen, unter anderem wegen der schwer lesbaren Einträge und der fehlenden Altersangaben der Kinder.

Manchen schreckte die hohe Zahl der Teilnehmer an der Exkursion des Freundeskreises Flüchtlinge Lahr, nicht aber einen alten Pauker mit jahrzehntelanger Klassenfahrt-Erfahrung. „Etwas geht immer schief, aber wir kriegen das hin.“ Mit dieser beruhigenden Auskunft musste sich die um Sicherheit und klare Planung besorgte Isabell Kollmer zufriedengeben.


Titelfoto: privat

Eine große Gruppe von Einheimischen und Migranten aus Lahr findet sich in Offenburg vor dem Ritterhausmuseum ein.


Kleinere und größere Probleme gab es natürlich von Anfang an. Leicht zu beschwichtigen war Juliia, die sittliche Bedenken hatte, mit ihren Kindern teilzunehmen. Dieses Museum hatte sie bei einem früheren Besuch als „voller sexueller Dinge“ erlebt. – Kein Problem mehr, Juliia, das war damals eine Sonderausstellung zum Thema „Prostitution“ gewesen.

Einige weitere Probleme konnten, trotz sprachlicher Schwierigkeiten, mindestens teilweise gelöst werden, zum Beispiel wer alles im Besitz eines Deutschlandtickets war. Dass nach dem Kauf der Gruppentickets einige Leute noch absagten, wurde (wie erwartet) durch andere in etwa ausgeglichen, die nachträglich unangemeldet mitwollten. Andere kündigten telefonisch an, sie wollten nachkommen.

Im Museum wurden letztlich 22 Erwachsene und ungezählte (weil eintrittfreie) Kinder registriert. Die albanischen „-ullah“-Familien (so die Endung ihrer Nachnamen) mit den vielen Kindern waren trotz Ankündigung nicht da. Und eine Sorge löste sich schnell auf: Die Räume und Gänge des Museums waren entgegen vorausgegangener Unkenrufe nicht zu eng für die große Anzahl der Gruppe. Also alle rein.

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Museum – Fotos: privat

Das Museum war laut einhelliger Ansicht aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer höchst interessant, der Ausflug ein voller Erfolg. Wie die Verweildauer bei den Exponaten und auch die abschließende Umfrage nach den Highlights zeigte, war für jeden etwas dabei. Während den einen die steinzeitlichen Werkzeuge und anderen Funde faszinierten, fanden sein Teenager-Sohn und dessen Freund die Jagdwaffen und die Trophäen der Großwildjäger in Afrika, aber auch die Eisenbahngeschichte besonders interessant. Erschüttert waren alle über die abscheuliche Praxis der Großwildjäger, Elefantenfüße als Papierkörbe, Tische, Hocker und anderes zu verwenden.

Die Kinder hatten viele Klappen zum Öffnen, hinter denen sich Überraschendes zeigte. Die Stadtgeschichte Offenburgs, die Informationen zur Religionsgeschichte und dazugehörigen Exponate, die Badische Revolution – alles Themen, die großes Interesse fanden. Besonders Kadir und Zhenya hatten viele Fragen und waren begierig, über so gut wie jedes Thema viel zu lernen.

Ganz neu und überraschend war für die meisten, was sie zur deutschen Kolonialgeschichte erfuhren: Deutschland drittgrößte der Kolonialmächte mit Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien, die nicht einmal 40-jährige Dauer der deutschen Kolonialzeit, Gräueltaten der Kolonialherren, das heißt Völkermord, an den Hereros und Nama, Raubkunst und Restitution – all dies führte zu vielen Fragen. Ramona hatte „Das Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad über die kolonialen Gräuel gelesen, und Pinar (ohne Kopftuch deutlich verjüngt) notierte sich den Titel, um später „Heart of Darkness“ auf Englisch zu lesen.

Gleich geht die Führung los.

Vieles im Museum gab Anlass zu Vergleichen mit eigenen Erfahrungen und mit dem eigenen Land. Da lernten auch die Deutschen einiges, zum Beispiel dass es in der Ukraine viel mehr Igel gibt als in Deutschland, und auch, dass Igelfleisch sehr gut schmeckt und sogar Heilwirkung haben soll.

Nach zweieinhalb Stunden saßen dann die Ersten auf den Bänken in der Sonne. Eine kleine türkisch-ukrainisch-kosovarisch-deutsche Runde saß später noch zu Snacks, Eis und Getränken beim Italiener. Plötzlich tauchten die „-ullahs“ auf, die die im Programm angekündigte Abfahrtszeit in Offenburg so interpretiert hatten, dass man bis dahin ins Museum kommen könne. Schade. Das war wirklich schiefgelaufen. Die meisten anderen trafen einander zur Rückfahrt mit dem 15-Uhr-Zug am Bahnhof wieder, alle um ein gehöriges Maß an Bildung und der alte Pauker um die Erfahrung einer weiteres „Klassenfahrt“ reicher.