Deutsche als Geflüchtete, Türken als Flüchtlingshelfer? Bei den Interkulturellen Tagen in Lahr vom 2. Oktober bis zum 14. November 2026 ist dieser Rollentausch möglich – in einem Workshop des Freundeskreises Flüchtlinge Lahr. Yunus Elmas hat das Konzept für dieses Angebot entwickelt und übernimmt auch die Organisation für den Workshop, der sich über insgesamt fünf Termine erstreckt.
Wie fühlt es sich an, in einem Land zu leben, dessen Sprache man noch nicht gut beherrscht? Wie schwierig kann ein ganz gewöhnlicher Arzttermin werden, wenn man die richtigen Worte nicht findet? Was bedeutet es, eine Wohnung zu suchen, ein Kind in der Schule anzumelden oder mit einer Behörde zu sprechen, wenn man sich sprachlich unsicher fühlt?
Titelfoto: Freundeskreis Flüchtlinge
Stehen unter anderen als Sprachpartner zur Verfügung (von links): Pinar und Muhammed Ertekin, Kadir Genis, Hatice und Yunus Elmas mit Sohn Jonas.
Diesen Fragen geht das kostenlose Projekt „Rollentausch“ im Rahmen der Interkulturellen Tage auf ungewöhnliche Weise nach: Menschen, die Deutsch sprechen, schlüpfen für eine begrenzte Zeit in die Rolle von Zugewanderten. türkische Sprachpartnerinnen und Sprachpartner begleiten sie dabei und helfen ihnen, sich in der fremden Sprache und in ungewohnten Alltagssituationen zurechtzufinden.
Die Idee dazu hatte Yunus Elmas, der selbst eine Migrationserfahrung hat. Für ihn ist Integration keine Einbahnstraße. „Ich kann mich noch so sehr bemühen, mich zu integrieren. Wenn mein Nachbar oder mein Gesprächspartner sich nicht öffnet, wird es für mich sehr viel schwieriger“, beschreibt er seine Sicht auf das Zusammenleben in einem für ihn neuen Land. Integration, so seine Überzeugung, gelinge nur, wenn beide Seiten bereit seien, aufeinander zuzugehen. Also so, wie er das immer im Café international des Freundeskreises erlebt.

Genau hier setzt der Rollentausch an: Wer selbst einmal erlebt, wie unsicher man sich in einer fremden Sprache fühlen kann, bekommt einen anderen Blick auf die Situation von Menschen, die neu nach Deutschland kommen.
Das Projekt beginnt mit einer Kennenlern- und Orientierungsphase. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen ihre Sprachpartner kennen, tauschen sich über Erwartungen und Ziele aus und erhalten erste Grundlagen der türkischen Sprache. Gleichzeitig geht es um typische Herausforderungen, die Menschen beim Ankommen in einem neuen Land erleben können.
In den folgenden drei Wochen bereiten sich die Tandems bei drei individuellen Treffen gemeinsam auf eine konkrete Alltagssituation vor. Sie üben wichtige Redewendungen und typische Dialoge, besprechen Formulare und Dokumente und sprechen über kulturelle Besonderheiten. Auch mögliche Missverständnisse und Situationen, in denen Unsicherheit entstehen kann, werden thematisiert. Jedes dieser Treffen dauert rund 90 Minuten und findet einmal pro Woche statt.

In der letzten Woche wartet die eigentliche Herausforderung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen eine realitätsnahe Alltagssituation in türkischer Sprache bewältigen – mit den Hilfsmitteln, die auch neu Zugewanderte nutzen können: Wörterbuch, Übersetzungs-App oder eigene Notizen.
Zur Auswahl stehen beispielsweise die Anmeldung eines Kindes in einer Schule, die Vereinbarung eines Arzttermins, die Besichtigung einer Mietwohnung, ein Gespräch mit einer Behörde oder ein Termin bei einer Bank. Auch die Nachfrage nach einem Arbeits- oder Praktikumsplatz ist möglich.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um perfekte Sprachkenntnisse. Entscheidend ist die Erfahrung: Wie fühlt es sich an, wenn man die Sprache nicht sicher beherrscht? Wann entstehen Unsicherheit oder Frustration? Was hilft, eine schwierige Situation trotzdem zu bewältigen?
Die Sprachpartner begleiten die Teilnehmer während des gesamten Projekts. Sie helfen bei sprachlichen Fragen, geben kulturelle Orientierung, motivieren und geben Rückmeldung. Dabei soll kein Unterricht im klassischen Sinne entstehen, sondern ein persönlicher Austausch auf Augenhöhe.

Diese Form der Begegnung entspricht dem Verständnis des Projektinitiators Yunus Elmas von einer Integration. Er selbst hat erfahren, wie wichtig persönliche Kontakte und ehrenamtliches Engagement für das Ankommen in Deutschland sein können. Durch seine Mitarbeit bei verschiedenen Projekten hat er Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen kennengelernt. Für ihn bedeutet Integration deshalb nicht nur, Deutsche kennenzulernen. Es geht ihm darum, die gesamte Gesellschaft kennenzulernen und selbst ein Teil dieser Gesellschaft zu werden.
Nach der abschließenden Herausforderung werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über ihre Erfahrungen berichten. Was war besonders schwierig? Wo entstand Unsicherheit? Was hat geholfen? Und vor allem: Hat sich der eigene Blick auf Menschen mit Migrationsgeschichte verändert? Die Erfahrungen können schriftlich, als Audioaufnahme oder als Video festgehalten werden.
„Integration versteht man nicht allein durch Informationen. Man versteht sie besser, wenn man selbst erlebt, wie es ist, sich in einer fremden Sprache zurechtfinden zu müssen“, lautet der Leitgedanke des Projekts. Der Rollentausch wolle deshalb nicht belehren, sondern eine neue Perspektive erfahrbar machen. Er schaffe Raum für Begegnung und gegenseitiges Verständnis, so Elmas.
Denn Integration sei keine Aufgabe, die nur eine Seite bewältigen müsse, gibt er zu bedenken. „Integration betrifft alle, die in einer Gesellschaft miteinander leben.“

Sprachpartnerinnen und -partner
- Yunus Elmas, 35 Jahre, seit 2021 in Deutschland, Jurist / Software Test Engineer
- Hatice Elmas, 33 Jahre, seit 2021 in Deutschland, Lehrerin / Data Specialist
- Kadir Genis, 61 Jahre, seit 2024 in Deutschland, verantwortliche Schweißaufsicht bei Spohn + Burkhardt Cabins
- Muhammet Ertekin, 38 Jahre, seit 2022 in Deutschland, Elektriker bei der Stadt Lahr
- Pinar Ertekin, 36 Jahre, seit 2023 in Deutschland, Englischlehrerin an der Friedrichschule
- Pinar Demir, 39 Jahre, seit 2023 in Deutschland, Sozialpädagogin, Hausaufgabenbetreuerin an der Schule in Kippenheim
Eine Anmeldung ist erforderlich
- Klaus Schweizer
- E-Mail: schweizerkls@gmail.com
- WhatsApp: 0176 / 5187 2643
Die Beiträge des Freundeskreises zum Programm
- Café international: 2., 9., 16., 23., und 30. Oktober, jeweils freitags, 4.30 Uhr, Interkultureller Garten, Römerstraße; 6. und 11. Oktober, jeweils freitags,14.30 Uhr, Gemeindesaal der Kreuzgemeinde, Doler Platz 7
- Rollentausch: Deutsche als Geflüchtete – Türken als Flüchtlingshelfer, samstags, 10. Oktober und 7. November, jeweils 11 bis 12.30 Uhr, Interkultureller Garten, Römerstraße; zusätzlich drei individuell zu vereinbarende Termine
- Spiele der Kinder der Welt: Freitag, 23. Oktober, 15.30 bis 18 Uhr, im Rahmen des Cafés international, Interkultureller Garten, Römerstraße
- Interkulturelles Mitsingkonzert „Singen wie im Himmel“ mit Daniela Sauter de Beltré und Andrea Käpernik, Freitag, 6. November, 16 Uhr, Gemeindehaus bei der Stiftskirche, Doler Platz 7; im Rahmen des Cafés international
- The Worlderers – Die Flüchtlingsband präsentiert Musik aus zehn Jahren: Freitag, 13. November, 18 Uhr, Gemeindesaal der Kreuzgemeinde, Doler Platz 7; direkt im Anschluss an das Café international; Special Guest: Kayarmin Mohammadnezhad aus Iran, er spielt auf seiner Santour traditionelle Lieder
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